Der geerbte Look I

Ihre mögliche Geschichte:

Sie planen eine Reise nach England, um an einem traditionellen Oldtimertreffen teilzunehmen. Stilbewusst packen Sie typisch britische Utensilien in Ihren Koffer. Und die Jacke? «Na klar, die Wachsjacke von Barbour muss noch mit. Mist, ich habe sie bestimmt eine Ewigkeit nicht mehr getragen, sie ist so unansehnlich geworden und das Auffrischen mit Wachs habe ich auch nie geschafft. Schnell noch eine Neue kaufen…»

Am Oldtimertreffen in England eingetroffen werden Sie von den Einheimischen direkt als Kontinentaleuropäer identifiziert und gemustert. Sie brauchen dies nicht einmal in Englisch zu thematisieren. Die selbstkritische Frage dazu: «Habe ich mich falsch angezogen?» bringt beim ersten Vergleich keine groben Patzer zutage. Die Engländer tragen die gleichen Sachen.
Und doch, der genauere Blick trifft auf das Offensichtliche: «Eine gewisse Nachlässigkeit – die Engländer tragen meine „unansehnlich gewordene“ Barbour Wachsjacke. Ihre Cordhosen und Schuhe sehen auch schon ziemlich gebraucht aus. Jetzt wird es klar! Sie erkennen auch plötzlich alle anderen «Unwissenden», die nicht aus England stammen. Ihre Kleidungstücke haben kaum Gebrauchspuren und sehen neu gekauft aus. Die Kleidungstücke der Engländer wirken dagegen sehr persönlich, durch eine individuelle Geschichte durch die Jahre geprägt. Eine Barbour Wachsjacke weist deshalb meist noch mehrere Flicken auf und wirkt durch die Aufnäher mehr verschlissen als ordentlich.

Das gleiche Prinzip wird von den Engländern bei der Inneneinrichtung gelebt: Stilreinheit ist nicht erstrebenswert! Sie würde verraten, dass nicht die Zeit, sondern ein übereifriger Innenarchitekt das Wohnzimmer und die Bibliothek geprägt hat. Oder noch problematischer, dass man sich alles auf einmal gekauft hat. Perfektion ist in diesem Fall eher ein Stilkiller und zudem der Gemütlichkeit abträglich. So wählt der Engländer bewusst die Kollision von Stilrichtungen und Farben – sie ist gewollt! Ganz entscheidend für diesen Look sind wiederum die Gebrauchsspuren. Sie dürfen unter keinen Umständen eliminiert werden. Das heisst, dass man mit neuen Einrichtungsgegenständen nicht sonderlich sorgsam umzugehen hat. Erst ein jahrelang oder jahrzehntelang gebrauchtes Chesterfield-Sofa ist wirklich «schön»!

Wenn Sie nicht so lange warten möchten, sorgt der geschickte Polsterer dafür, dass das gute Stück aus Leder bereits beim Ausliefern mit einem mehr oder minder speckigen und gebrauchten Flair versehen wird.

 

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